…, Kontrolle ist besser?

Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob man Menschen überhaupt verbieten sollte, ein ganzes Land (oder mehrere) zu betreten. Ebenso lässt es sich sicher darüber diskutieren, ob es innerhalb der ohnehin nach außen recht gut gesicherten EU noch weitere Grenzkontrollen geben sollte. Beides hat erst einmal wenig mit Verkehr zu tun und soll daher hier kein Thema sein.
Selbst wenn man beide Fragen mit Ja beantwortet, darf man sich aber über das wundern, was derzeit im Eurostar von Brüssel nach London passiert: Zunächst einmal werden keine Eurostar-Fahrkarten von Brüssel nach Lille mehr verkauft. Grund dafür soll wohl sein, dass man die Ausweise der Fahrgäste mit diesen Fahrkarten (da innerhalb des Schengenraums) nicht kontrollieren durfte und dies zur illegalen Einreise nach Großbritannien genutzt wurde. Trotzdem gibt es im Eurostar-Terminal in Brüssel noch einen Gang für Fahrgäste nach Lille, der die Passkontrollen umgeht, aber bei meiner Fahrt am Samstag logischerweise von niemandem genutzt wurde. Bevor man auf den Bahnsteig kommt, findet also eine vierfache Kontrolle statt: Fahrschein, Ausreise Schengen, Einreise UK, Gepäckdurchleuchtung. Im Zug wurden dann eigenartigerweise noch einmal die Fahrscheine kontrolliert – am Check-in wird eigentlich schon sehr genau hingeguckt, aber gut. Bevor wir Lille erreichten, wurde dann durchgesagt, dass aussteigende Fahrgäste (die es ja eigentlich gar nicht geben dürfte) ihren Fahrschein für eine Ausgangskontrolle bereithalten müssten. Eine Ausgangskontrolle mag ja Sinn haben, wenn die Möglichkeit besteht, dass jemand weiter gefahren ist als erlaubt. Entsprechend unsinnig ist so eine Kontrolle am ersten Haltebahnhof eines Zuges, dessen Abfahrtsbahnsteig streng abgeschirmt und nur nach Vorzeigen der Fahrkarte zugänglich ist … Aber auch nach der Ankunft in London müssen neuerdings noch einmal Ausweis und Fahrkarte vorgezeigt werden, wodurch ich beinahe meinen Anschlusszug verpasst hätte.
Auf der Rückfahrt war bezeichnenderweise alles viel entspannter: In London nur Check-in, Einreisekontrolle Schengen und Sicherheitskontrolle, interessanterweise keine Ausreisekontrolle UK und keinerlei Kontrollen im Zug und in Brüssel. Fahrten von Lille nach Brüssel sind in dieser Richtung auch problemlos möglich, was eine ärgerliche Asymmetrie in der Anzahl der Hin- und Rückverbindungen ergibt.

Fazit: Wenn schon Kontrollen, würden doch eine Fahrkarten- und Gepäckkontrolle in Brüssel und eine Einreisekontrolle in London ausreichen. Das würde den Aufwand für Fahrgäste und Personal beträchtlich reduzieren und Eurostar besser ausgelastete Züge zwischen Brüssel und Lille bringen.

Ein ausführlicher Reisebericht meiner England-Reise folgt übrigens demnächst. Bei meinen Recherchen für diesen Beitrag bin ich außerdem auf ein englisches Blog gestoßen, das sich u.a. mit den Schwierigkeiten europäischer Bahnreisen, aber auch mit Europapolitik im Allgemeinen befasst: → Jon Worth.

Nachtrag Juni 2013: Durch einen → Beitrag im ICE-Treff habe ich den Grund für die komplizierte Kontrollprozedur erfahren: Man kann zwischen Brüssel und Lille weiterhin den Eurostar mit einer TGV-Monatskarte benutzen. Die Ausgangskontrolle in Lille dient also der Feststellung, ob wirklich alle Lille-Fahrgäste ausgestiegen sind. Wenn nicht, wird im Zug noch mal kontrolliert. Die UK-Einreisekontrolle in Brüssel könnte man sich, wenn sie ohnehin in London noch mal gemacht wird, eigentlich sparen, aber man will wohl die Zahl der von London zurückgeschickten Fahrgäste möglich gering halten. Wie gesagt: Auf meinem Mist ist das Ganze nicht gewachsen …

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